Die bereits in den 50er-Jahren erstellte Diagnose des deutsch-amerikanischen Politiktheoretikers John Herz, dass die »harte Schale« des Nationalstaates zunehmend »permeabel« werde, wurde durch die dynamischen Kräfte der Globalisierung spätestens gegen Ende des 20. Jahrhunderts endgültig bestätigt. Das zeitgleiche Ende der Ära der Ost-West-Konfrontation und des Kalten Krieges mündete in einen Paradigmenwandel internationaler Beziehungen mit ambivalenter Perspektive: Einerseits wurde die militärische Dimension globaler (un-) Sicherheit durch die Auflösung der Sowjetunion und das damit einhergehende Ende des Systems gegenseitiger nuklearer Abschreckung stark relativiert. Gleichzeitig traten Elemente internationaler Kooperation durch die globale Vernetzung der Märkte und durch revolutionäre Entwicklungen im Kommunikations- und Informationswesen (Internet, soziale Medien etc.) zunehmend in den Vordergrund.
Sicherheitsrisiken durch postbipolare Weltunordnung
Andererseits bildeten sich in der postbipolaren »Weltunordnung« neue Sicherheitsrisiken wie religiös-fundamentalistischer Terrorismus, Staatenzerfall mit den Konsequenzen Flucht, Vertreibung und Migration sowie Cyberbedrohungen, Pandemien und die mannigfaltigen Folgeprobleme des Klimawandels heraus.
Wir brauchen eine effektive Verzahnung verschiedener Politikfelder im Sinne eines ›erweiterten Sicherheitsbegriffs‹. Umwelt- und Energiepolitik etwa besitzen heute, anders als noch vor wenigen Jahrzehnten, eine genuine sicherheitspolitische Dimension.
Prof. Dr. Ursula Männle
Da diese neuen Herausforderungen, Risiken und Bedrohungen im Kräftefeld der Globalisierung nicht regional begrenzbar und nicht wie die militärischen Bedrohungen im Zeitalter des Kalten Krieges eindimensional (etwa militärisch durch nukleare Abschreckung) zu bewältigen sind, erfordern sie völlig neue Gegenstrategien:
Erstens eine effektive Verzahnung verschiedener Politikfelder im Sinne eines »erweiterten Sicherheitsbegriffs«. Umwelt- und Energiepolitik etwa besitzen heute, anders als noch vor wenigen Jahrzehnten, eine genuine sicherheitspolitische Dimension. Besonders deutlich wird die neue Mehrdimensionalität im Bereich der Entwicklungspolitik, die wie kein anderes Politikfeld über Mittel und Instrumente verfügt, den neuen globalen Risiken schon im Ansatz »präventiv« zu begegnen.
Internationale Herausforderungen wie im Kalten Krieg
Zweitens ein kooperativ-multilaterales Vorgehen. Globalen Herausforderungen kann nur mit vereinten Kräften mit Aussicht auf Erfolg begegnet werden. Für die Werte- und Interessengemeinschaft des demokratischen Westens bedeutet dies insbesondere eine Verstärkung gemeinsamer multilateraler Anstrengungen, zumal die erwähnten neuen internationalen Herausforderungen ähnlich der Bedrohung durch den Warschauer Pakt in der Ära des Kalten Krieges auch heute wieder »gemeinsame« Risiken darstellen.
Als »Zentralmacht Europas« sehen wir Deutschlands Funktion in der Übernahme einer verantwortlichen Führungsrolle in Europa, die lang- fristig kontinuierlich ausgeübt wird.
Prof. Dr. Ursula Männle
Gerade angesichts diverser Zankäpfel und Spannungsfelder, die die Kohärenz etwa von Nato und Europäischer Union gegenwärtig belasten, bieten gemeinsame Herausforderungen auch Chancen, die innere Einheit multilateraler Gefüge zu konsolidieren.
Deutschland als Zentralmacht Europas
Drittens: Deutschland, das seit der Vollendung seiner Einheit im Jahre 1990 vollständig souverän ist, muss sich angesichts der vielfältigen globalen Herausforderungen seiner internationalen Verantwortung stellen. Als »Zentralmacht Europas« (Hans-Peter Schwarz) sehen wir Deutschlands Funktion in der Übernahme einer verantwortlichen Führungsrolle in Europa, die langfristig kontinuierlich ausgeübt wird, um die außenpolitische Berechenbarkeit und Glaubwürdigkeit der Berliner Republik zu untermauern. Die besondere Herausforderung besteht darin, dass die außenpolitische Staatsräson der Bundesrepublik eine »kluge Balance« herstellt zwischen »nationalem Interesse, europäischem Gemeinschaftsbewusstsein, transatlantischer Verpflichtung und globaler Verantwortung« (Christian Hacke).
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