Die deutsche Außenpolitik kreist zunehmend um das europäische Projekt, die Überwindung der europäischen Finanzkrise, die Ukraine / Russland-Krise und die Flüchtlingskrise. Fünf Argumente untermauern, dass es fehlerhaft wäre, sich allzu sehr auf die europäische Binnensicht zu konzentrieren. Dabei gilt es, besonders die globalen und regionalen Herausforderungen sowie die globalen Machtverschiebungen zu reflektieren.
Das europäische Projekt sollte vorangetrieben werden. Voraussetzung für eine gestaltende europäische und auch deutsche Politik ist ein stabiles und prosperierendes Europa. Die politischen Weltakteure jenseits von Europa durchlaufen Transformationsprozesse, gestalten Politiken oft mit antiwestlichem Impetus and sehen die Welt aus einem nicht europäischen Blickwinkel. Diese gilt es zu kennen, um darauf aufbauend eine antizipative Außenpolitik betreiben zu können. Grundlegend gilt es, mit den regional powers neue Agenden zu entwickeln, um gemeinsam zur Bewäl- tigung globaler Herausforderungen beizutragen.
Die transatlantische Kooperation bleibt von Bedeutung
Die transatlantische Kooperation bleibt von Bedeutung. Hier sollte die deutsche / europäische Politik auch mehr Profil gewinnen, zumal sich die USA gerade in einem relativen Abstieg befinden und sich wohl in eine isolationistische Falle hineinbewegen. Die USA bleiben Partner der EU, dem sie ein zivilmachtorientiertes Profil entgegensetzen sollte.
Deutschland sollte nicht nachlassen, das UN-System zu unterstützen. Über die UN können zentrifugale Kraftbewegungen mit eingehegt werden. Bislang pflegt Deutschland mit den meisten großen autoritären Ländern durchaus enge, aber auch fragwürdige Beziehungen (beispielsweise China, Russland, Iran, Saudi-Arabien). Die Kooperationserfahrungen mit diesen Staaten zeigen, dass Deutschland durchaus Möglichkeiten hat, Demokratie, Partizipation und Rechtssicherheit zu fördern. Hier bedarf es jedoch eines klaren Konzepts, des Durchhaltevermögens und der Konfliktbereitschaft – anstatt klein beizugeben.
Es ist fehlerhaft, sich allzu sehr auf die europäische Binnensicht zu konzentrieren.
Prof. Dr. Robert Kappel
Wichtig wäre es auszuloten, wie die Kooperation mit demokratischen Mittelmächten vertieft werden kann, um global gemeinsam im Sinne eines Zivilmachtkonzepts zu agieren. Die Vertiefung der Zusammenarbeit mit Mittelmächten, also Ländern, die wirtschaftlich wachsen, sich technologisch entwickeln und global eine ähnliche Rolle wie Deutschland einnehmen, könnte für viele internationale Verhandlungen genutzt werden.
Deutschland hat Möglichkeiten, Demokratie, Partizipation und Rechtssicherheit zu fördern Zu den Mittelmächten gehören beispielsweise Staaten wie Brasilien, Australien, Kanada, Chile, Mexiko, Korea und Argentinien. Die Mittelmachtländer stehen vor ähnlichen Herausforderungen (sich abschwächendes Wachstum, Reformen des Sozialsystems, Umweltprobleme), die zu engerer Verzahnung der Aktivitäten veranlassen. In diesen Gesellschaften erheben zivilgesellschaftliche Bewegungen ihre Stimme für weltweite Normen: Frieden, Stabilität, Partizipation, Frauenrechte, Menschenrechte, Sozialstandards, ökologisch nachhaltige Arbeits- und Lebensweisen.
Deutschland ist in der Lage, global eine größere Rolle einzunehmen.
Prof. Dr. Robert Kappel
Deutschland ist in der Lage, global eine größere Rolle einzunehmen. Für die deutsche Politik besteht die vornehmliche Aufgabe darin, nicht erneut in die Falle der Geopolitik zu tappen. Deutschland bietet ein attraktives Modell (Wohlfahrtsstaat, soziale Marktwirtschaft, Zivilmacht). Deutsche Politik sollte verstärkt in globale öffentliche Güter (Weltklima, Kampf gegen Terrorismus, Friedenssicherung und Entwicklungspolitik) investieren. Mit einem Zivilmachtkonzept kann Deutschland ein attraktives Gegenmodell zu den Dominanz- und Hegemoniekonzepten etablieren.
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